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Die Zeit nach dem Anschlag in Oberwart und die Hintergründe der Tat

„Für mich war klar, schon am Tag des Attentats selbst, dass alles, was gestern war, nach diesem Tag nicht mehr zählt.“ (Stefan Horvath)

Das Attentat von Oberwart hat vier Menschen aus dem Leben gerissen. Nach den vier Toten traf der Rassismus der Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA) vor allem die Angehörigen und Freund*innen. Die Tage nach Oberwart waren keine Tage der Trauer, wie diese es gewollt hatten. Die Hinterbliebenen erfuhren nicht nur eine Kriminalisierung durch die Polizei und die Weiterführung der terroristischen Ziele auf parlamentarischer Ebene durch die FPÖ, sondern konnten auch das Totengedenken nicht selbst bestimmen. Statt einem Begräbnis in kleinerem Kreis, am Donnerstag nach dem Attentat, wurde das Begräbnis zu einem Staatsakt am Samstag, live übertragen vom ORF. Später wird den Politiker*innen ein „Kampf um die Logenplätze“ vorgeworfen. Wirkliche Anteilnahme am Schmerz der Angehörigen blieb weitgehend aus.

Die politischen Hintergründe der Tat waren für die Hinterbliebenen von Beginn an ersichtlich. Das Schild, unter dem die Bombe platziert war, hatte eine rassistische Beschriftung:

„Uns war von Anfang an klar, dass das ein politisch motiviertes Attentat war, das sich gezielt gegen die Volksgruppe richtete.“

So erinnerte sich Tina Nardai, die zum Zeitpunkt des Attentats als elfjährige in der Oberwarter Rom*nja-Siedlung lebte.

 

Die Rolle der Ermittlungsbehörden

„Die Polizei gibt uns ein Rätsel auf: Sie verhindert nicht den rechten Terror, sondern bloß dass er bekannt wird. […] Sie versucht nicht Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, indem sie darauf achtet, dass keine Bomben hochgehen, sondern indem sie dafür sorgt, dass die Öffentlichkeit nichts erfährt, sich nicht erregt, sich nicht mit den Opfern gegen die Täter solidarisieren kann.“
– Doron Rabinovici, Rede am Stock-im-Eisen-Platz, Februar 1995

Die politische Motivation des rechtsextremen Anschlags mochte noch so offensichtlich sein – die Polizei schaffte es das rechte Auge mit aller Kraft zu verschließen. So wurde am Tag nach dem Anschlag klargemacht, in welche Richtungen zu ermitteln sei: „in alle.“

Zur Erinnerung: bereits ab 1993 begann der rechtsextreme Bombenterror der „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ (BBA), die mit der Auswahl ihrer Opfer und den Bekennerschreiben bereits vor Oberwart kein Geheimnis aus ihrer rechtsextremen Gesinnung machten.

Dass „in alle Richtungen ermitteln“ vor allem bedeutete die Opfer zu kriminalisieren, wurde schnell ersichtlich. Am Tag nach dem Anschlag, 17 Uhr, rücken 100 Polizist*innen an um alle Wohnungen der Oberwarter Rom*nja-Siedlung zu durchsuchen. Das entspricht mindestens 5 Beamt*innen pro Wohnung. Später wird behauptet, die Hausdurchsuchungen seien zum Schutz der Angehörigen durchgeführt worden.

Das Vorgehen der Ermittlungsbehörden war für die Hinterbliebenen der Anschlagsopfer schrecklich. Stefan Horvath erzählt von der Polizeiarbeit:

„Am nächsten Morgen rief mich der Beamte an und fragte, ob er die Befragung noch einmal machen könnte, er habe die Unterlagen verloren. Die Verhöre waren furchtbar.“

Er bezeichnet die Polizeiarbeit als „Rücksichtslos […] ohnegleichen“, und weiter: „Man merkte, dass hier mit riesigen Vorurteilen gearbeitet wurde.“

Die Polizei wird den vermeintlichen Einzeltäter Franz Fuchs erst 1997 fassen, mehr aus Zufall als aus Ermittlungserfolg. Bis dahin werden kontinuierlich Hinterbliebene kriminalisiert, Antifaschist*innen werden kriminalisiert, Rechte verschont. Dabei folgen die Ermittler*innen immer wieder den rassistischen Fährten und Finten der FPÖ.

So zum Beispiel im Januar 1996, als sich der Oberwarter Polizist Manfred P. wiederholt in die Diskothek „Oberbayern“ begibt, um dort junge Rom*nja „informell“ auszuhorchen. P. folgt der von der FPÖ aufgestellten These, der Mord an den vier Roma habe einen Zusammenhang mit organisiertem Drogenhandel – was frei erfunden ist.

Nach der Verhaftung Franz Fuchs wird Michael Sika, Generaldirektor für öffentliche Sicherheit ebenfalls in die Kerbe der rechtsextremen Meinungsmacher schlagen. Über den Rechtsterroristen Franz Fuchs; jenem Bomben-Absender und vierfachen, rassistischen Mörder; weiß er:

„Ich habe immer vor politischen Dimensionen gewarnt. Heute können wir bei Franz Fuchs weder ein rechtes noch ein linkes Eck erkennen.“

Die Rolle der FPÖ

Der Rechtsxtreme Terror der BBA steht von Anfang bis Ende im Zusammenhang mit Österreichs größtem rechtsextremen Netzwerk, der FPÖ.

 

„Roma zurück nach Indien!“ und „Bajuwarische Einheit“

Die „Bajuwarische Befreiungsarmee“ entstand nicht im luftleeren Raum.

Wolfgang Gombocz, einer der Addressaten der ersten Briefbombenserie – Gombocz setzte sich für die Interessen der slowenischen Minderheit in der Steiermark ein – erinnert sich an die Jahre vor dem Terror der BBA.

Er beschreibt einen „[…] schon jahrelang anhaltenden Druck in Schrift, Wort und Tat, d.h. in anonymen wie namentlich gezeichneten Briefen und Postkarten, in Schmierblättern, Broschüren, Postwurfsendungen, Zeitungen und Zeitschriften, in substanzlosen Anzeigen und Denunziationen aus dem deutschnationalen und dem rechtsextremen Netzwerk […]“

Die wesentlichen Schlagworte und Impulse für das rechtsextreme Milieu lieferte die von Alt-Nazis durchsetzte FPÖ und ihr weitreichendes Umfeld an Burschenschaften, Zeitungen und Interessensverbänden.

Im Herbst 1992 erscheint ein Artikel in der Zeitung Vorderste Front des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB), unter dem Titel „Die deutsche Frage in Österreich“. Der NHB ist eine neonazistische Organisation die der deutschen NPD nahe steht. Es erschien bereits 1985 ein Interview mit Jörg Haider im NHB-report, ebenfalls unter dem Titel „Die deutsche Frage in Österreich“. Haider wurde ein Jahr später zum Vorsitzenden der FPÖ gewählt. Neben Jörg Haider gaben auch die FPÖ-Politiker Andreas Mölzer und Otto Scrinzi dem NHB-report Interviews.

Im Vorderste Front-Artikel (1992) ist die Rede von einer wiederherzustellenden »Bajuwarische(n) Einheit«, der*die anonyme Autor*in glaubt, aufgrund der gegenwärtigen Lage der Repression1 bestehe für sinnvolle nationalistische Arbeit in Österreich nur mehr die Möglichkeit in den Untergrund zu gehen. Ein Jahr später verschickt eine „Bajuwarische Befreiungsarmee“ die ersten Briefbomben.

Noch deutlicher werden die Verstrickungen der FPÖ in die Narrative des rechten Terrors am Beispiel Oberwart. Wieder ist Jörg Haider mittendrin.

1994 erscheint eine Ausgabe der rechtsextremen, der FPÖ sehr nahestehenden Aula. In der Ausgabe 3/94 verbreitet der Grazer Burschenschafter (B! Germania) Nikolaus v. Peradovich unter der Frage „»Zigeuner« oder »Roma und Sinti«“ seine kruden Theorien und weist darauf hin, dass es sich bei den Rom*nja um »die Angehörigen einer wandernden oder ehemals wandernden ethnischen Minderheit indischer Herkunft« handle. In derselben Ausgabe wurde auch Jörg Haider interviewt. Haider war großer Sympathisant der Aula, gratulierte dieser zum Beispiel 1991 zum 40-jährigen Bestehen. Ein Jahr nach dieser Ausgabe der Aula platzierte die BBA eine Bombe unter der Parole „Roma zurück nach Indien“ in Oberwart.

Nach dem Attentat von Oberwart geriet die Aula unter Druck, nachdem das DÖW auf Ähnlichkeiten zwischen den Bekennerbriefen der BBA und Texten der Aula hinwies. Es folgten Hausdurchsuchungen bei der Aula und die Beschlagnahmung der Abonnent*innenkartei. Dies veranlasste wiederum Teile der FPÖ zur Solidarisierung mit der in ihren Augen zu Unrecht kriminalisierten Aula (so geschehen im April 1995).

 

Die FPÖ in ihrer Schutz-Rolle für die extreme Rechte

Mit den Durchsuchungen bei der Aula wurde das gesamte rechtsextreme Milieu in Mitleidenschaft gezogen, vor allem FPÖ und deutschnationale Burschenschaften sahen sich in der Defensive. Dies veranlasste die FPÖ zu einem massiven Gegenangriff, der Konstruktion einer Verschwörung um die vermeintlich wahren Hintergründe der BBA und immer wieder zu ekelhaften Versuchen der Täter-Opfer-Umkehr.

Damit kommt die FPÖ einer Rolle nach, die sie immer wieder für das rechtsextreme Milieu einnimmt:

„Die FPÖ, die sich nach außen von der Aula distanziert, kommt mit derartigen Anfragen, Presseaussendungen und Interventionen einmal mehr ihrer Schutzfunktion gegenüber dem gesamten rechtsextremen Milieu nach. Von den Nationalsozialisten, gegen deren Verfolgung sich die Vorläuferpartei Verband der Unabhängigen stark machte, über die Südtirol-Terroristen und die Kader der Aktion Neue Rechte (ANR), die im Falle von Verhaftungen hochrangige FPÖ-Politiker zu verständigen hatten, bis zu den neonazistischen Friedhofsschändern von Eisenstadt oder dem VAPO-Kader Hans Jörg Schimanek jun. – immer waren die FPÖ oder einzelne Funktionäre unterstützend zur Stelle.“ (Wolfgang Purtscheller (Hg.): Delikt: Antifaschismus, S. 101-102.)

 

Die Nähe der FPÖ zum Rechtsterrorismus

Die FPÖ und Ihr Umfeld bereiteten nicht nur die rassistische Stimmung in Österreich, die den Nährboden für die BBA und das Attentat von Oberwart lieferten, sie führten auch die menschenverachtenden Ideologien, die zum Terror führten, auf parlamentarischer Ebene weiter. Dadurch, und durch die, von den Freiheitlichen gestreuten Lügen rund um Oberwart und die BBA erreichte der Rechtsextreme Terror eines seiner Ziele: politische De-Stabilisierung und ein verschärfter rassistischer Diskurs gegen Rom*nja und andere vom BBA-Terror Betroffene.

Auf parlamentarischer Ebene vertritt die FPÖ die selbe Ideologie wie der rechte Terror.

Bereits vor dem Attentat von Oberwart war die FPÖ bemüht den rechten Terror der BBA umzudeuten, das wird nach dem Anschlag weitergeführt. Am Montag nach der Tat, also einen Tag nachdem das Attentat in Oberwart bekannt wurde, äußerte sich der burgenländische FPÖ-Funktionär Robert Dürr2 zu den Geschehnissen, und will wissen, dass die Opfer die eigentlichen Täter sind:

„Die Tat hat auch diesmal, ebenso wie bei den Briefbombenattentaten einen antifaschistisch-propagandistischen, terroristisch-geheimdienstlichen Hintergrund. […] Laut Informationen wird zur Zeit davon ausgegangen, dass die vier Getöteten selbst einen propagandistisch terroristischen Akt planten, dabei jedoch getötet wurden.“

Zwei Tage danach, am 08. Februar 1995 nutzt Jörg Haider die erste Parlamentssitzung nach dem Anschlag für eine weitere Stigmatisierung der Anschlagsopfer:

„Wer sagt, dass es da nicht um einen Konflikt bei einem Waffengeschäft, einen Autoschieber-Deal oder um Drogen gegangen ist?“.

Er nutzte die selbe Parlamentsrede um die Konzentrationslager der Nazis, in denen auch hunderte Oberwarter Rom*nja ermordet wurden, als „Straflager“ zu verharmlosen.

Mit dem FPÖ Nationalratsabgeordneten und späteren Bundesgeschäftsführer Karl Schweitzer wurde der Rechtsterror auch auf das Begräbnis von Peter Sarközi, Josef Simon und Erwin und Karl Horvath getragen. Stefan Horvath, Vater von Peter Sarközi erinnert sich:

„Ganz am Schluss kommt der Schweitzer rein. Er hat ein knalliges Sakko angehabt. Er geht bei uns lachend vorbei, kondoliert nicht. Dann ist er auf die Galerie in der Kirche und hat von dort oben gelacht. Ich hatte damals das Gefühl, der Mann freut sich. Er hat Schadenfreude gehabt und nicht einmal so getan, als ob ihm das leidtun würde. […] Wenig später hat er mir einen Prozess angehängt. Ich habe fast zwei Jahre wegen ihm einen Prozess führen müssen.“

Karl Schweitzer nutzte nicht nur das Begräbnis der Opfer um seinen Antiziganismus zu manifestieren, er führte die Terrorisierung der Oberwarter Rom*nja mit seinem Prozess gegen Stefan Horvath persönlich weiter. Karl Schweitzer ist bis heute in der FPÖ und Präsident der österreichischen Basketball Bundesliga.

Die schiere Anzahl an Täter-Opfer-Umkehr-Unternehmungen der FPÖ sprengt den Rahmen jedes Textes. Allen voran agieren hochrangige FPÖ Politiker wie Jörg Haider, Karl Schweitzer, Ewald Stadler oder Hans Pretterebner.

Im August 1995 stellt Haider im Standard-Interview mehrere rhetorische Fragen, um die Anschlagsopfer zu stigmatisieren und das rechtsextreme Milieu zu schützen:

„Wer sagt, daß es nicht um einen Konflikt bei einem Waffengeschäft gegangen ist?“

„Warum schreiben Sie dann nicht, wie die Hintergründe der Familien der Opfer sind? Wie das ist mit dem Rauschgifthandel oder mit den Vorstrafen der Familienmitglieder?“

Diese Anschuldigungen sind natürlich falsch. Erst ein Jahr später wird Jörg Haider dies auch öffentlich eingestehen und sich bei den Oberwarter Rom*nja in einem Brief entschuldigen. Das ist natürlich ein schlechter Witz, die Saat der FPÖ und Haiders hatte sich längst verselbstständigt.

 

Das direkte Einwirken der FPÖ auf die Ermittlungen

Die größte Unterstützung erfuhr die BBA von der FPÖ, neben derer ideologischer Schützenhilfe, ganz konkret durch die Sabotage der Ermittlungen. Dies geschah bereits vor dem Attentat von Oberwart. Immer wieder verbreiteten freiheitliche Politiker*innen Falschbehauptungen, stellten Verdächtigungen auf, spinnen ihre Tätertheorien. All den falschen Spuren, die von freiheitlichen Funktionär*innen gelegt wurden, musste die Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus (EBT) nachgehen. Aus einem Dokument der EBT geht hervor, wie dies eine tatsächliche Aufklärung verhinderte:

„Wie bereits vorher angeführt, hatten all diese ‚Läufer‘ zur Folge, daß umfangreiche Ermittlungen geführt werden mußten und daß die eigentliche Fahndung dadurch beeinträchtigt wurde.“

Den Höhepunkt dieser gezielten Sabotage stellen die Versuche der freiheitlichen Funktionäre Karl Schweitzer und Martin Magdits dar, einen Bewohner der Oberwarter Rom*nja-Siedlung zu einer Falschaussage zu nötigen. Martin Magdits ist zum damaligen Zeitpunkt FPÖ-Mitglied und Kanzleibeamter des Innenministeriums, Karl Schweitzer Bundesgeschäftsführer. Im März 1996 versucht Martin Magdits den Oberwarter Roma Robert N. zu einer Falschaussage zu nötigen. Robert N. ist zum damaligen Zeitpunkt verschuldet, ihm steht eine Haftstrafe bevor, sollte er seine Schuld nicht begleichen können. Bereits vor Magdits war es Karl Schweitzer, der Robert N. aufsuchte und bei dem Versuch ihn zu einer falsch-belastenden Aussage zu bringen scheiterte.

Am 7. März 1996 trifft sich Martin Magdits mit Robert N. Magdits gibt sich als „Ermittler“ aus, der er nicht ist (!). Er, Robert N., solle endlich die „Wahrheit“ zugeben, dass der antifaschistische Journalist Wolfgang Purtscheller in der Mordnacht am Tatort war.

Zu diesem Zeitpunkt steht der Journalist Purtscheller im Zentrum der rechten Konstruktion, die versucht Oberwart und den gesamten BBA-Terror als linksextreme (sic!) Verschwörung umzudeuten. Am 9. März lädt Magdits Robert N. erneut ein. Er weiß von Robert N.‘s Schulden und dass dieser eine Haftstrafe antreten muss, wenn die Schuld nicht bald beglichen ist. Magdits droht N. eine weitere Haftstrafe an, wenn er irgendwem von der Einvernahme erzählen würde.

Im Juni 1997 treffen echte Ermittler der SOKO Briefbomben auf Robert N.:

„Die Beamten staunen nicht schlecht, als ihnen Robert N. mitteilt, mit denselben Fragen bereits von einem „Kollegen“ behelligt worden zu sein. Der Roma erinnert sich sogar an den Namen des »Ermittlers«: Martin Magdits.“ (Wolfgang Purtscheller (Hg.): Delikt: Antifaschismus, S. 93)

Am 23 August 1996 wird Martin Magdits zu 5 Monaten Haft auf Bewährung (Amtsanmaßung, versuchte Nötigung) verurteilt. Vor Gericht findet keine Aufklärung der Hintergründe der Tat statt. Magdits ist das Bauernopfer der FPÖ, die Verstrickungen Karl Schweitzers in die Nötigung Robert N.‘s werden nicht aufgeklärt. Es ist der SPÖ Politiker Robert Elmecker, der dem nachgeht. Er verweist darauf, wie einige Kommentare des freiheitlichen Parlamentsklubs darauf hinweisen, dass diese sehr wohl von Magdits und Schweitzers Unternehmungen wussten, Magdits keineswegs isoliert gehandelt hatte.

 

Die Rolle der Presse

Nach der FPÖ und der Polizei versagt schließlich auch die Presse im Umgang mit dem Attentat. Zunächst einmal entfalten die Lügen der FPÖ ihre Wirkung erst so richtig durch Berichterstattung, die diese aufgreift und zu unumstößlichen Fakten werden lässt.

So folgt beispielsweise auf die Unternehmungen Schweitzers und Magdits am 24. Februar 1997 ein Artikel in der Kronen Zeitung, die die Ergebnisse des Erpressungsversuchs auf Faktenstatus hebt. Zuvor waren es bereits ORF Sendungen, die zu bester Sendezeit von der FPÖ konstruierte Verschwörungserzählungen rund um die vermeintlichen Täter ausstrahlten. Solche und andere Artikel, Recherchen oder Berichte nehmen in der Propaganda der FPÖ eine besonders wichtige Rolle ein. Zunächst wird irgendeine Halb- oder Unwahrheit in die Welt gesetzt, eine darauffolgende Presseberichterstattung wird dann zum vermeintlichen „Beleg“ des davor selbst erfundenen.

Auch bei der Konstruktion eines „Einzeltäters“ spielte die Presse eine zentrale Rolle.

Im Winter 1996/97 veröffentlichen zwei, der FPÖ nahe Journalisten in Täglich alles ein Täterprofil zur BBA, dass „der Einzeltätertheorie politisch Bahn brechen wird“. (Wolfgang Purtscheller (Hg.): Delikt: Antifaschismus, S. 82-83)

Und als später Franz Fuchs gefasst wird reagiert die österreichische Presse vor allem mit Faszination für den Täter. Ein Genie, ein Bombenhirn, der Kopf und alleinige Gesamttäter einer ganzen Armee…

 

Wäre Oberwart zu verhindern gewesen?

Vor dem Attentat von Oberwart wurde bereits seit mehr als einem Jahr gegen die Bajuwarischen Befreiungsarmee ermittelt. Zunächst stellt sich die Frage was passiert wäre, wären die Ermittlungen nicht von der FPÖ und dem restlichen rechtsextremen Lager sabotiert worden; was passiert wäre, hätten die Ermittlungsbehörden, statt rassistischen Behauptungen zu folgen, ihre Arbeit gescheit gemacht. Und dann ist da natürlich die zentrale Frage: Was sind die gesellschaftlichen Hintergründe der Tat? In welchem Klima des Hasses konnte diese Tat überhaupt stattfinden, die Verleumdungskampagne der FPÖ funktionieren?

Peter Sarközi, Josef Simon, Erwin und Karl Horvath wurden nicht einfach nur von einem „Einzeltäter“ ermordet. Sie fielen auch dem rassistischen Konsens in Österreich zum Opfer.

Und der zog sich durch alle Gesellschaftsschichten, insbesondere auch durch die Polizei. In der Auseinandersetzung mit Oberwart begegnen uns immer wieder Polizist*innen, die vertrauliche Informationen an die FPÖ stecken, die mit rassistischen Vorurteilen Befragungen durchführen, die den Falschinformationen der FPÖ willentlich folgen.

Wolfgang Gombocz ist 1993 Vertreter der slowenischen Minderheit in Bad Radkersburg in der Steiermark. Am 05. Demezber 1993 geht eine Briefbombe der Serie I an ihn, diese kann zum Glück rechtzeitig entschärft werden. In der Folge wird Gombocz vernommen, er wird nach seiner Theorie zur*m Täter*in gefragt. Gombocz kann aufgrund des als Absender ausgegebenen Adressaten (ein „Sivetz Franz“) auf der Briefbombe eine sehr spezifische Vermutung äußern.

Er vermutete, der Täter sei ein ehemaliger Schüler namens „Franz“, der zwischen den Jahrgängen 1965-1969 an einem Gymnasium in Leibnitz maturiert habe. Er spezifizierte seine Vermutung weiter mit dem Verweis auf mehrere Lehrer, die alte Nationalsozialisten waren und bekanntlich NS-Gedankengut an Schüler*innen weitergaben. Einer dieser Lehrer war Dr. Helmut Heidinger, ÖVP-Funktionär und Wehrmachtsoffizier a. D. (aber nach eigener Aussage „Sauber Geblieben“ – also Entwarnung für die ÖVP!). Heidinger vertrat öffentlich anti-slowenischen Rassismus. Sein Sohn ging mit Franz Fuchs in eine Klasse. Fuchs ging mehrere Jahre bei den Heidingers aus und ein.

Zur Erinnerung: Gombocz äußerte seine Vermutungen bereits im Dezember 1993, lange vor dem Attentat von Oberwart.

Nach dem Attentat wiederholte Gombocz seine Vermutungen gegenüber der Polizei:

„Ich wiederhole mehrfach meine Befürchtung, dass meine Materialien teilweise sehr sorglos behandelt bzw. unterdrückt wurden.“

Gombocz wurde nicht geglaubt. Ein maßgeblicher Grund dafür ist der Rassismus, den er als Vertreter der slowenischen Volksgruppe erfahren musste, ein Rassismus der sich durch die Polizei zieht. Wolfgang Gombocz äußert schwerwiegende Vorwürfe gegen die Polizei. Diese habe, statt der realen Gefahr des Terrors nachzugehen, eine Gefahr durch die Slowen*innen konstruiert.

„Alle meine Einwürfe über eine mögliche, leichtfertig verspielte frühe Habhaftwerdung von Franz Fuchs, schon vor den Morden in Oberwart, durch Überprüfung der Schüler und durch Verfolgung der Heidingerbeziehung bleiben unbeantwortet stehen.“

Die Gegenwart

Die Erinnerung an den Mord an Josef Simon, Peter Sarközi, Erwin und Karl Horvath ist heute kaum mehr Thema. In Oberwart findet jedes Jahr eine Gedenkfeier an die vier Roma statt. Es gibt eine Gedenktafel, etwas unscheinbar, erst dahinter liegt hinter einer Hecke eine Gedenkstätte.

Österreich hat in seiner Gesamtheit, als Staat, als Exekutive, als Presse und als Zivilgesellschaft nach dem Attentat von Oberwart auf ganzer Linie versagt.

Es wäre falsch zu behaupten aus Oberwart wurde gelernt, wurden Schlüsse gezogen.

2011 sprach Norbert Hofer, damals stellvertretender Klubobmann der FPÖ, in der ZIB 2 darüber, dass Terror in Österreich immer von Links kam. Als Beispiel nannte er den Rechtsterroristen Franz Fuchs.

2013, 20 Jahre nach Beginn des Briefbombenterrors, ging die Kleine Zeitung in den Heimatsort von Franz Fuchs um festzustellen, der Briefbombenterror sei dort „Kein Thema mehr“.

2022 erstellt ein*e anonyme*r Nutzer*in auf Twitter ein Profil mit dem Namen „Franz Fuchs“. Das Profilbild zeigt den vierfachen Mörder.

Peter Sarközi, Josef Simon und Erwin und Karl Horvath waren 1995 auf Streife gegangen, weil niemand ihren Befürchtungen glaubte.

Wir dürfen sie nicht vergessen.

Es ist an uns, die Fehler nicht zu wiederholen, selbst die Augen nicht zu versperren vor einer Gefahr von Rechtsextremen, der Gefahr, die durch die rassistische Propaganda der FPÖ ausgeht. Am Rassismus der FPÖ hat sich nichts geändert, an der Durchsetzung der Polizei mit rechten bis rechtsextremen Weltanschauungen auch nichts. Wir müssen Betroffenen von Rassismus und rechtem Terror zuhören, sie ernst nehmen und unterstützen. Oberwart hat gezeigt, dass der österreichische Staat nicht vor rechtem Terror schützt.

Wir müssen den Antifaschistischen Selbstschutz organisieren.

 

 

1 Im Jänner 1992 wurde etwa die Wehrsportgruppe Trenck von der Polizei aufgelöst. Die Gruppe hielt ihre Treffen und Schießübungen im Wiener Vereinslokal der Arbeitsgemeinschatf für demokratische Politik (AFP) ab, das DÖW zählt die Vorderste Front zu den Auslandskontakten der AFP. Ebenfalls im Jänner 1992 wurde der Neonazi Gottfried Küssel mit weiteren VAPO-Kadern angeklagt und zu einer Haftstrafe verurteilt.

2 Robert Dürr: FPÖ Burgenland. Viel mit antisemitischen Ausfällen gegen den „frechen Juden“ Simon Wiesenthal auf. Beschuldigte die Israelische Regierung vergiftete Lebensmittel nach Österreich zu liefern – ein klassisches antisemitisches Motiv. Er bezeichnete Antifaschismus als das „Verbrechen schlechthin“. Am 1. Oktober 1996 stürmte er gemeinsam mit Michael Gruber (Partei Neue Ordnung PNO) die Wehrmachtsausstellung in Klagenfurt.