Beginn der Vorträge um 19:00 Uhr
Gerade in der linksradikalen Szene kommt Kritik an Männlichkeit oft viel zu kurz. Zwar wird viel der Antifeminismus der Rechten kritisiert, viele cis Männer nennen sich Feministen, verwenden die richtigen Begriffe und haben vielleicht schon mal einen Workshop zu kritischer Männlichkeit besucht. Eine konsequente Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit und der Männlichkeit der eigenen Bros findet dabei aber so gut wie nicht statt. Zurück bleiben frustrierte FLINTAs, die mit ihrer Kritik gegen eine Wand laufen und an Täterarbeit verzweifeln. Gleichzeitig steht Antifa immer noch in Verbindung mit einem militant-mackrigen Männerbild und der entsprechenden Ästhetik, welche auf Social Media gefeiert und verbreitet werden.
Um uns (selbst-)kritisch mit Männlichkeit in der radikalen Linken auseinanderzusetzen, veranstalten wir gemeinsam mit der Institutsgruppe Politikwissenschaft (IG PoWI) zwei Vorträge zu diesem Thema:
It’s not just boys‘ fun? Zum Geschlechterverhältnis innerhalb der radikalen Linken von 1968 bis heute [Vortrag mit Veronika Kracher]
Linksradikale Gruppen und Organisationen betrachten sich selbst häufig als Pionier:innen zu einer Gesellschaft, die den Kapitalismus überwunden hat. Wenn es jedoch um eine Kritik an den Geschlechterverhältnissen geht oder darum, die eigene geschlechtsspezifische Sozialisation zu hinterfragen, scheinen zahlreiche Genossen überfordert. Cisgeschlechtliche Männer in der radikalen Linken scheitern regelmäßig daran, ihre eigene affekthafte Abwehr weiblich konnotierter Aspekte und Aufgaben, zu reflektieren. Aus einem Unwillen, sich grundlegend mit der eigenen Reproduktion von Sexismus, Weiblichkeitsabwehr oder übergriffigem Verhalten zu befassen, verschieben cis Männer die Verantwortung für profeministische Selbstkritik entweder auf ihre Genossinnen, verweigern diese grundsätzlich, oder besuchen gönnerhaft einen Workshop zu “kritischer Männlichkeit”, um sich anschließend gegen jede feministische Kritik gefeit zu sehen. FLINTA aus der Linken, vor allem wenn sie eine gewisse öffentliche Sichtbarkeit haben, müssen hingegen als Projektionsfläche für gleichzeitig (trans)misogyne Abwertung und Strafbedürfnisse herhalten, oder an sie wird eine projektiv aufgeladene Anspruchshaltung als vermeintliche Stellvertreter:in für queere und feministische Kämpfe herangetragen – bei Nichterfüllung erfolgt Sanktion. Kurz: Immer wieder müssen also feministische Kämpfe nicht nur gegen die herrschenden Verhältnisse, sondern auch gegen Widerstand aus den eigenen Reihen geführt werden.
In diesem Vortrag analysiert die Autorin Veronika Kracher die historische und ideengeschichtliche Entwicklung von feministischen Kämpfen innerhalb der radikalen Linken – gerade gegen Genossen aus den eigenen Reihen, spricht darüber wie sich feministische Kritik und Praxis in den letzten 50 Jahren entwickelt und verändert hat, und versucht auch anhand eigener Erfahrungen, die Widersprüchlichkeiten derselben zu diskutieren.
Antifa, Macker, Patriarchat – Antifaschismus und Männlichkeit [Vortrag mit Jeja Klein]
Warum nur will man unbedingt ein Krieger für das Gute sein? So könnte eine Frage lauten, mit der sich nach dem problematischen Verhältnis von autonomem Antifaschismus und Männlichkeit forschen lässt. Einerseits steht die radikale Linke nämlich für das Aufbrechen von Geschlechterrollen und für Antisexismus. Andererseits sind es dann aber doch wieder die immer selben Jungs mit den immer selben Frisuren, die im Antifa-Milieu den Ton angeben – Ausnahmen bestätigen hier, freilich, die Regel. Der Kampf gegen Neonazis erfordert Härte und Aggression, das Bezwingen von Angst und das Eingehen teils erheblicher körperlicher Risiken. Und oft geht er mit bösen gelben Briefen von Ermittlungsbehörden einher. Wer sollte das wollen? In Rückgriff auf männlichkeitstheoretische und sozialpsychologische Erklärungen, die die konflikthafte männliche Sexualität und Identitätsbildung im Patriarchat ernst nimmt, lässt sich zumindest nachvollziehen, welcher subjektive Vorteil sich für die klassische Figur des „Antifa-Mackers“ aus all dem ziehen lässt. Wozu? Sicher nicht, um damit aufzuhören, sich Nazis konsequent in den Weg zu stellen – aber auch nicht, um einfach weiter zu machen wie bisher.
![Gruppe für organisierten Antifaschismus [wien]](https://gfoa.noblogs.org/files/2023/01/cropped-logo_schwarz_web.png)