
In Ungarn wurde Ende September 2025 nach US-amerikanischem Vorbild die Antifa-Bewegung auf eine zu diesem Zweck neugeschaffene Liste terroristischer Organisationen gesetzt. Dieser Schritt ist zutiefst anti-demokratisch und autoritär und zeigt einmal mehr, wie weit rechts die Fidesz-Regierung in Budapest steht. Dabei geht es Ungarn ganz offensichtlich darum, die antifaschistische Linke zu kriminalisieren. Ziel ist es, so Orbán, eine strafrechtliche Verfolgung antifaschistischer Aktivist*innen zu ermöglichen, auch wenn diese gar keine Straftaten begangen haben. Dies ist eine klassische Strategie zur Einschüchterung politischer Gegner*innen.
Viktor Orbán setzt damit einmal mehr eine Forderung der Neonazi-Szene in die Tat um. Wir wollen exemplarisch am Beispiel der Neonazi-Kundgebungen vor dem Budapester Gerichtsgebäude rund um die Prozesstage gegen Maja T. zeigen, wie nah sich die ungarische Neonazi-Szene und die Regierung in Ungarn stehen.
Neonazistische Einschüchterungsversuche als Vorlage für Orbán
Neben der Kriminalisierung von Antifaschist*innen machte in den vergangenen Monaten vor allem auch die Kriminalisierung der Budapester Pride-Demonstration Schlagzeilen. Diese Zweifachkriminalisierung wurde bereits durch das Agieren der Neonazis auf der Straße in Budapest vorweggenommen. Diese verfolgen dieselben (Haupt-)Feindbilder wie Viktor Orbán: Linke und Queers.
Bei den vergangenen Prozesstagen gegen Maja T. in Budapest wurden Unterstützer*innen regelmäßig mit den Fragen „Are you gay? Are you terrorist?“ konfrontiert. Ähnliche Einschüchterungsversuche wurden auf höherer politischer Ebene vom Staatspräsidenten selbst umgesetzt. Zunächst mit dem Versuch, die Budapester Pride zu verbieten – jetzt mit der Erklärung der antifaschistischen Bewegung zur Terrororganisation.
Auf der Straße sind vor allem Neonazis der ungarischen „Jugendbewegung“ HVIM für die Einschüchterungsversuche verantwortlich. Diese veranlassten nach eigenen Aussagen wenige Tage vor dem Antifa-Verbot in Ungarn die extrem rechte Partei Mi Hazánk Mozgalom (MHM; zu Deutsch: „Unsere-Heimat-Bewegung„) zu einer Anfrage an den ungarischen Innenminister, in der ein Verbot der Antifa-Bewegung gefordert wurde. Dieser Forderung kam die ungarische Regierung offensichtlich nach – ob die Neonazi-Anfrage der Grund dafür ist, bleibt Spekulation. Fakt ist jedoch: die ungarische Regierung macht die Politik, die die lokale Neonazi-Szene fordert.
Die MHM ist mit einem Ergebnis von knappen 6% bei den letzten Parlamentswahlen aktuell die drittstärkste politische Kraft in Ungarn. Gegründet wurde sie vom Neonazi László Toroczkai, der im Jahr 2001 auch die HVIM gegründet hatte. Dies zeigt auch, wie tief der Neonazismus in der ungarischen Gesellschaft und Politik verankert ist.

Bild 1: Martialische Pressekonferenz der MHM 2022. Im weißen Hemd: László Toroczkai; 2.v.r. hinten: Gábor Barcsa-Turner
HVIM: Rechtsterroristen im Polohemd
HVIM steht für Hatvannégy Vármegye Ifjúsági Mozgalom (zu Deutsch: „Jugendbewegung Vierundsechzig Komitate“). Bei der Gruppierung handelt es sich um eine neonazistische Organisation, die sich nach außen hin als Jugendorganisation darstellt. Die Gruppe tritt bei allen Prozesstagen gegen Maja T. in Budapest im Rahmen einer neonazistischen Kundgebung vor dem Gericht auf, inszeniert sich dabei medial und belästigt solidarische Unterstützer*innen von Maja T.
Besonders absurd an der Forderung der Neonazis nach einer Einstufung der Antifa-Bewegung als terroristisch ist, dass es sich bei der HVIM tatsächlich um eine Organisation für (angehende) Rechtsterroristen handelt.
2015 wurde der ehemalige HVIM-Anführer Zoltan Szocs gemeinsam mit dem HVIM-Mitglied Istvan Attila Beke in Rumänien zu 5 Jahren Haft verurteilt, da diese einen Sprengstoffanschlag auf eine Nationalfeier geplant hatten. Die HVIM erhielt bereits einige Jahre zuvor ein eigenes Exemplar des Manifests des Terroristen Anders Breivik. Die HVIM unterhält eine Unterorganisation mit dem Namen Farkasok Hagyományőrző és Ifjúságképző Csoport (kurz: Farkasok; zu Deutsch: „Wölfe„). Bei Farkasok können ausschließlich Männer im Alter von 16-35 Jahren Mitglied werden. Die Gruppe veranstaltet paramilitärische Trainings im Stil von Wehrsportgruppen. Die HVIM bildet Neonazis an Schusswaffen aus.

Bild 2: Neonazis der HVIM/Farkasok üben mit Waffen
Am 22.09.2025 war etwa der aktuelle Anführer der HVIM,Gábor Barcsa-Turner, bei Maja T.s Prozess in Budapest anwesend. Barcsa-Turner tritt ebenfalls bei Farkasok auf, sein Gesicht ist eines der Wenigen, das auf Bildern der Organisation nicht unkenntlich gemacht ist. Er scheint die Funktion eines Ausbilders zu erfüllen.

Bild 3: Gábor Barcsa-Turner (links) und Tamás Horváth (rechts) am 22.09.2025. Horváth ist aktuell Chefredakteur bei Magyar Jelen, dem Haupt-Sprachrohr der MHM.

Bild 4: Gábor Barcsa-Turner (vorne Mitte, unverpixelt) tritt offen bei bewaffneten Übungen der Farkasok auf.
Übrigens: die HVIM ist international vernetzt, auch nach Wien. Bereits 2016 war etwa der Neonazi Nárai Balázs, damals noch bei der HVIM aktiv, bei der Wiener Burschenschaft Olympia als Referent geladen (mehr zu Balázs in unserem Text im AIB 147).
Bedeutung für antifaschistischen Protest
Welche Bedeutung das Antifa-Verbot langfristig auf antifaschistischen Protest in Ungarn haben wird, bleibt abzuwarten. Fakt ist: Bisher konnten weitere Antifa-Kundgebungen stattfinden, natürlich sehr zum Unmut der Neonazi-Szene. Allerdings werden diese Kundgebungen massiv in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt. So wurde an den Prozesstagen am 29.09. und am 02.10.25 den Demonstrierenden die Verwendung einer Musikanlage aus fadenscheinigen Gründen vom angrenzenden Gericht komplett untersagt. Es bleibt trotzdem weiter möglich, in Ungarn antifaschistischen Protest auf die Straße zu tragen. Wir wollen alle Antifaschist*innen weiterhin dazu ermutigen, sich an antifaschistischen Aktionen in Ungarn zu beteiligen und die Genoss*innen vor Ort zu unterstützen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation weiter verändern wird.
Ausblick
Während Neonazis in Ungarn scheinbar ungestört für den bewaffneten Umsturz trainieren können, werden Antifaschist*innen als Terrorist*innen behandelt. Die ungarischen Verhältnisse sind schon lange absurd, sie werden allerdings immer absurder. Neonazis können in Ungarn völlig frei agieren. Wir wollen an dieser Stelle erneut betonen, dass es genau diese Umstände sind, die einen konsequenten Antifaschismus begünden und notwendig machen. Das Agieren der Fidesz-Regierung, der offen geäußerte Wunsch Orbáns, Antifaschist*innen unabhängig von tatsächlichen Straftaten zu kriminalisieren, zeigen auch, dass Maja T. in Budapest keinen fairen Prozess zu erwarten hat.
Freiheit für Maja.
Freiheit für alle Antifas.
Fuck Orbán!
![Gruppe für organisierten Antifaschismus [wien]](https://gfoa.noblogs.org/files/2023/01/cropped-logo_schwarz_web.png)