Versuch einer Aufzählung.
Auf der Demonstration in Gedenken an Ernst Kirchweger am 30.03.2025 haben wir auch mittels Schildern an alle weiteren uns bekannten Todesopfer rechter Gewalt in Österreich gedacht. Wir wollen im folgenden Beitrag kurz auf jede Person eingehen. Außerdem wiederholen wir unsere Forderung von der Demonstration nach einer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufarbeitung rechter Morde nach 1945. Desweiteren bitten wir euch darum uns zu kontaktieren, wenn ihr über weitere Todesfälle rechter Gewalt nach 1945 bescheid wisst. CW: Mord, Rassismus, Suizid
02.04.1965 – Wien – Ernst Kirchweger
Am 02.04.1965 starb der Antifaschist und Sozialist Ernst Kirchweger. Er war zwei Tage zuvor bei einer antifaschistischen Demonstration in Wien von einem Neonazi niedergeschlagen worden. Kirchwegers leben war geprägt von seinem politischen, antifaschistischen Kampf. In Wien erinnern mehrere Orte an ihn und jährlich finden Gedenkveranstaltungen statt.
26.02.1994 – Innsbruck – Wolfgang Tschernutter
Wolfgang Tschernutter lebte in Innsbruck und war vor seinem Tod wohnungslos. Über ihn ist wenig bekannt, er galt als friedlich und schlief vor der Tat längere Zeit im Eingang des Innsbrucker Hallenbads beim Fürstenweg. Im Alter von 37 Jahren wurde er von zwei jugendlichen Neonazis brutal getötet. Heute erinnert in Innsbruck ein Mahnmal an die Tat und an Wolfgang Tschernutters Leben.
04.02.1995 – Oberwart – Erwin Horvath, Karl Horvath, Peter Sarközi, Josef Simon
Josef Simon (Spitzname: Hompa) wuchs in Oberwart auf und lebte in der Oberwarter Rom*nja-Siedlung. Seine Eltern waren KZ-Überlebende. Hompa war verheiratet, hatte eine eigene Familie mit fünf Kindern. Das älteste Kind war zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters fünfzehn Jahre, das jüngste vier Jahre alt.
Peter Sarközi lebte in der Oberwarter Rom*nja-Siedlung. Zum Zeitpunkt des Attentats war er 27 Jahre alt. Er besuchte in Oberwart die Schule, wurde an die Sonderschule versetzt, was wohl mit dem Rassismus der Zeit zusammenhängt (Sein Stiefvater schreibt dazu: „Ein Weg, der scheinbar für alle Roma-Kinder dieser Siedlung vorgezeichnet war.“)
Nach der Schulzeit jobbte er und war arbeitslos. Er liebte seinen Hund „Murli“ und hatte eine Freundin.
Karl Horvath lebte ebenfalls in der Oberwarter Rom*nja-Siedlung. Er war zum Zeitpunkt seines Todes 22 Jahre alt. Er genoss die letzten zwei Jahre vor seinem Tod, die Freundschaft zu den anderen drei Todesopfern des Anschlags, gemeinsame Discobesuche und Kartenspielen.
Erwin Horvath war der jüngere Bruder von Karl, er war 19 Jahre alt. Er war seinem älteren Bruder eng verbunden und war mit den anderen beiden Todesopfern befreundet. Er absolvierte zunächst die Volksschule und die Hauptschule in Oberwart.
In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 wurden Erwin Horvath, Karl Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon von einer Rohrbombe eines Rechtsterroristen getötet. An den Mord erinnert ein Mahnmal in Oberwart, jährlich finden Gedenkveranstaltungen statt.
06.04.1995 – Ried im Innkreis – Raimund Friedl
Raimund Friedl wurde am 06.04.1995 von zwei Neonazis erschossen. Er besuchte am selben Abend einen Vortrag des antifaschistischen Journalisten Wolfgang Purtscheller, anschließend ging er mit Freunden in eine Bar. Über Raimund Friedl ist uns ansonsten nichts bekannt. Er wurde vermutlich erschossen, weil der Täter ihn mit Wolfgang Purtscheller verwechselt hatte. Purtscheller stand zu diesem Zeitpunkt im Zentrum einer Schmutzkampagne der FPÖ.
17.05.1997 – Wels – Sukri Arifi
Sukri Arifi lebte in Wels in einem Wohnhaus in dem vorallem Menschen aus der Türkei und aus Mazedonien lebten. Er war als sogenannter „Gastarbeiter“ aus Mazedonien nach Österreich gekommen. Er hatte eine Frau und eine Tochter, die zum Zeitpunkt des Mordes nicht in Österreich lebten. Am 17.05.1997 wurde das Haus in dem er lebte von einem Neonazi angezündet. Sukri Arifi verbrannte, viele weitere Bewohner*innen zogen sich diverse Verletzungen zu. In der Porzellangasse in Wels erinnert ein Mahnmal an den Brandanschlag.
12.06.2008 – Klagenfurt – Alex Oppong
Alex Oppong war 41 Jahre alt und lebte in Klagenfurt. Über sein Leben ist uns wenig bekannt. Am 12. Juni 2008 starb er bei einem neonazistischen Brandanschlag, er sprang aus dem Fenster des brennenden Hauses. Wie bei vielen Fällen rechter Gewalt ist auch hier der Umgang mit dem Tod von rassistischer Täter-Opfer-Umkehr geprägt. Es gibt etwa Interviews mit einem verantwortlichen Branddirektor, in dem Oppong für den eigenen Tod verantwortlich gemacht wird, denn er hätte ja gar nicht aus dem Fenster springen müssen. Dies wird rassistisch begründet.
24.03.2009 – Wien – Albrecht M.
Am 24.03.2009 wurde in Wien Albrecht M. von einem Neonazi brutal ermordet. Albrecht M. war zuvor wohnungslos. Über Albrecht M. ist wenig bekannt, es gibt kein kontinuierliches Gedenken an den Mord.
22.07.2011 – Traun – Alecsandr H.
Alecsandr H. wurde 63 Jahre alt. Er lebte gemeinsam mit seiner Frau und hatte einen Sohn, sowie zwei Enkelkinder. Alecsandr H. war 1990 nach Österreich gekommen und arbeitete als Zeitungsausträger. Er wurde am 22.07.2011 aus rassistischem Motiv erschossen. Der Täter verletzte außerdem Alecsandr H.’s Frau und seinen Sohn schwer. Dieser konnte den Täter dennoch überwältigen und weitere Morde verhindern.
22.05.2016 – 33-Jähriger, 48-Jähriger – Nenzing
Am 22.05.2016 wurden bei einem Fest eines Motorradclubs in Nenzing (Vorarlberg) zwei namentlich unbekannte Menschen im Alter von 33 und 48 Jahren von einem Neonazi getötet. Dieser stritt sich zuvor mit seiner Freundin, woraufhin er eine Waffen aus seinem Auto holte und wahllos in die Menge schoss. Medial wurde die Tat vor allem als „Amoklauf“ verhandelt.
29.07.2022 – Seewalchen – Lisa-Maria Kellermayr
Lisa-Maria Kellermayr war eine Ärztin, die im Zuge der Covid-Pandemie einen rechten Shitstorm erlebte. Kellermayr kritisierte zuvor Demonstrierende aus dem Millieu der Corona-Rechten, die eine Zufahrt zu einem Spital blockierten. Kellermayr schloss daraufhin zunächst ihre Praxis. Am 29. Juli 2022 brachte sie sich in Folge der Welle des Hasses gegen ihre Person schließlich selbst um.
Vor der Pandemie studierte Lisa Maria-Kellermayr Medizin und war als Rettungssanitäterin tätig.
11.10.2025 – Wien – Milad E.
Im Josef-Bohmann Hof in der Donaustadt wurde am 11.Oktober 2025 der 33-jährige Milad E. von seinem Nachbarn, einem Neonazi, getötet. Milad war laut seinen Angehörigen und Nachbar*innen ein ruhiger, hilfsbereiter und aufrichtiger Mensch, der anderen immer mit Freundlichkeit und Respekt begegnete. Seine Familie und Freund*innen trauern um ihn. Der Mord an Milad E. war klar rassistisch motiviert. Der rechtsextreme Täter fiel zuvor schon mit rassistischen Aussagen und aggressivem Verhalten auf (unter anderem gegen den aus dem Iran stammenden Milad E.). Trotz seines Verhaltens konnte der Täter seinen Waffenschein behalten. Mit seiner Waffe tötete er dann in der Nacht vom 11. Oktober seinen Nachbarn Milad E. Bei der Festnahme nach der Tat, machte der Täter Aussagen und Gesten, die zu einer Anzeige wegen Wiederbetätigung führten.
Wer noch?
Die Frage stellt sich angesichts dieser Liste. Wir wissen nicht, wie viele Menschen noch von Neonazis ermordet wurden, welche Lebensgeschichten vergessen wurden. Angesichts dessen wiederholen wir unsere Forderung nach einer gründlichen Aufarbeitung rechter Gewalt nach 1945. Und wir bitten euch: Wenn ihr von weiteren Todesopfern rechter Gewalt wisst, die in dieser Aufzählung fehlen, meldet euch bitte bei uns!
![Gruppe für organisierten Antifaschismus [wien]](https://gfoa.noblogs.org/files/2023/01/cropped-logo_schwarz_web.png)